Bericht vom Konzert in St. Martin am Freitag, 24.02.2017 20.00Uhr

Freitag, 03. März 2017

Neustadt: Kultur Regional

Interpret statt Imitator des großen „Meysters“

Ivo Pügner mit einer ausgezeichneten Hommage an Reinhard Mey bei „Musik pur!“ im Gewölbekeller des Winzerhofs in St. Martin

Von Heike Klein

 

St. Martin. Der Landauer Ivo Pügner spielte am Freitagabend im Gewölbekeller des „Winzerhofs“ Lieder von Reinhard Mey. Der Andrang am sorgte für Hitzewallungen bei Organisator Hans Jürgen Schneider. Der Neustadter ist Idealist und hat sich zum Ziel gemacht, in St. Martin für Künstler der Großregion Rhein-Neckar eine Auftrittsplattform zu schaffen.

 

Reinhard Mey, der im Herbst erneut auf Tournee geht, und dessen Konzerte in der Region schon längst ausverkauft sind, zieht dabei auch als Fake-Version das Publikum an. Daher mussten etliche Fans enttäuscht wieder abdrehen, weil der Raum nicht mehr als 100 Personen fasst. „So voll war es hier noch nie“, sagte Schneider, bevor Ivo Pügner zur Gitarre griff.

Der 54-jährige Ergotherapeut aus Landau kaufte seine erste Mey-Langspielplatte in den 70er Jahren. „Ankomme Freitag, den 13.“ sei das gewesen. Er habe sofort einen Draht zu dem gefunden, was Mey ausdrücken wolle, sagt Pügner. Achtmal hat er Konzerte des Berliner Barden besucht, ihn aber trotz Kontaktversuchs nie persönlich sprechen können. „Mey ist in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend“, erzählt Pügner. Immerhin erlaubt der große deutsche Liedermacher, dessen Fans an diesem Abend in St. Martin sichtbar der Generation 40 plus angehörten, dass seine Songs frei verwendet werden können. Über 500 Titel und 60 Alben hat Mey produziert, und noch immer steht der 74-Jährige auf der Bühne und erfreut sich der innigen Zuneigung seiner Fans. Gleichzeitig hält Mey sie auf Distanz. Umso erfrischender, dass Pügner einen ganz anderen Stil pflegt. So möchte er kein Imitator des großen „Meysters“ sein, sondern als reiner Interpret der anspruchsvollen Texte vor dem Publikum stehen.

Die Mey-Experten, die an diesem Abend wie Heringe in der Blechbüchse ausharrten, wurden mit einem dreistündigen Programm belohnt, das sich langsam steigerte. Pügner hat seine Abfolge bewusst ausgewählt, wie viele Künstler, die in der ersten Hälfte eines Konzerts zunächst die unbekannteren Titel spielen. Mey überzeugte schließlich schon immer mit seiner Lyrik. Keiner versteht es wie Mey, gesellschaftliche Phänomene oder abstruse politische Signale derart in Reimform zu packen, dass das Zuhören zum Vergnügen wird. Gleichzeitig wird das Singen zur Herausforderung, am Rande des Sprechgesangs sind Inhalte in nur schwer zu treffende Töne verpackt. Pügner meisterte diese Hürden mit Bravour. Er singt die Lieder, die eigentlich nur Schöpfer Mey bewältigen kann, begleitet sich dabei selbst auf der Gitarre, tadellos und ohne Schnitzer.

Die Titel in der ersten Konzerthälfte indes forderten die volle Konzentration der Zuhörer. „Hab Erdöl im Garten“, „Das wahre Leben spielt sich doch in den Todesanzeigen ab“ oder die lange Ballade „Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ waren den Fans zwar bekannt, aber immer geläufig. Die Anwesenden, reif, reifer und wie Mey selbst mit den Jahren zwar gealtert, aber im Geiste jung geblieben, durften mitsingen. Bei den Refrains wurde dies gerne genutzt. Unterstützt wurde Pügner von seiner Lebensgefährtin Marion, mehr als nur eine Background-Sängerin.

Wenn man Pügner kritisieren wollte, dann nur vielleicht, weil er einige der sehr guten neueren Lieder wie „Dann mach’s gut“, das Abschiedslied für den 2014 im Alter von 32 Jahren verstorbenen Sohn, nicht in seinem Repertoire hatte. Auch „Mairegen“ fehlte, ein Lied, das Mey 2010 schrieb, als Sohn Maximilian erkrankt im Wachkoma lag und in dem Mey noch hoffte, „Mairegen, lass mich glauben, alles wird gut“. Überhaupt fehlten die nachdenklicheren Lieder, in denen Mey sich gerade im letzten Jahrzehnt mit Krankheit, Krisen und Vergänglichkeit beschäftigte.

Doch Pügner lieferte trotzdem ein tolles Programm ab. Mit „Leb wohl, adieu, gute Nacht“, dem ruhigen Lied, das ein bescheidener Mey über die Leere nach einem Konzert getextet hat, kam Pügner in der Artikulation ganz nahe heran an das Original. Pügner sang, ohne jedoch sein eigenes Ich abzulegen. Und das war gut zu. Damit machte er den Zuhörern eine größere Freude, als hätte er das Vorbild eins zu eins kopieren wollen.

Und Pügner erlöste auch die Fans. Als kluger Taktiker hielt er „Über den Wolken“ und „Gute Nacht, Freunde“ bis zu den Zugaben zurück. Reinhard Mey spielt sein Flaggschiff „Über den Wolken“ nicht jedesmal, lässt damit seine Anhänger teilweise auch etwas enttäuscht zurück. Anders Pügner, er lieferte das ersehnte Glaubensbekenntnis der Mey-Jünger souverän ab. Und toppte damit am Ende sogar das Original. Denn Mey, dessen dosierte Distanziertheit keine wirkliche Nähe zulässt, sucht kein Bad in der Menge. Pügner zeigte, dass es geht, und so fühlte sich in der intimen Atmosphäre des Gewölbekellers jeder Zuhörer reichlich beschenkt, als wäre es irgendwie doch ein Konzertabend beim Original gewesen.