„Volle Fahrt voraus“: Ivo Pügner begeistert die Zuhörer im Fachkraftwerk mit Liedern von Reinhard Mey

Dienstag, den 15. November 2016 um 11:43 Uhr
Ivo Pügner ist in Speyer inzwischen kein Unbekannter mehr. Einmal im Jahr tritt er in der Kulturreihe „Kultur im Turm“ der Johanniskirche auf. Am Samstag Abend sang der Reinhard Mey-Interpret im Fachkraftwerk Colab. Für seinen fast dreistündigen Liederabend hatte er sich die Glanzstücke aus dem Oeuvre des inzwischen 73 Jahre alten Sängers ausgewählt. Bei einigen der Lieder wurde er von seiner Freundin Marion unterstützt, die auch wunderschön singen kann.  Pügner litt zwar an diesem Abend an einem Hexenschuss, glücklicherweise war seine Stimme aber nicht beeinträchtigt, was er gleich im ersten Lied „Freundliche Gesichter“, bewies. Meys Lieder zeichnen sich durch Realitätsnähe aus. Trifft das, was in ihnen beschrieben wird, nicht auch auf mich zu?, fragt sich der Hörer nach jedem Lied. Sieht es nicht auch bei uns so aus wie bei „Hempels unterm Bett“ und lieben wir nicht auch ein „Stück Musik von Hand gemacht“?  Pügner hat nicht das warme, einschmeichelnde Timbre seines Idols, aber versteht es exzellent Lautstärke und Tempo dort zu variieren, wo auch Mey das tut. Im Lied „Narrenschiff“ wird das deutlich: im Refrain wird es immer dramatischer, was auch seinen Grund hat, denn der Kapitän ist betrunken, das Schiff befindet sich auf „voller Fahrt“ und steuert auf ein Riff zu. Mey hat immer wieder die Unzulänglichkeiten des Alltags besungen, missliebige Veranstaltungen wie den „Elternabend“ kritisiert, die Wahrheit hinter Todesanzeigen aufgedeckt („Das wahre Leben“), eine beliebte Kartoffelsorte („Annabelle“) in den Mittelpunkt eines Liedes gestellt oder den Amtsschimmel aufs Korn genommen („Einen Antrag auf Erteilung“).
Nach der Pause ging die Klassikerparade weiter mit dem wunderschönen Stück „Musikanten sind in der Stadt“, sowie „Dr. Nahtlos, Dr. Sägeberg und Dr. Hein“, „Keine ruhige Minute“. Dazu die Hommage an den Wein, „Alter Freund“, und das romantische „Ich liebe Dich“. Pügner leitete seine Lieder mit einer kleinen Geschichte ein – ganz wie der Meister selbst. Als wahrer Wortartist entfaltete sich Pügner im Lied „Ich bin“, wo er all das aufzählte, was ihn ausmacht. Zu Anfang des Liedes heißt es bespielsweise: „Ich bin hier Korkenzieher und Glühbirnenreindreher. Ich bin hier Sonntag früh am Morgen Brötchenholengeher, ich bin der Sackhüpfer und der Abflußentstopfer, ich bin der Nasenspray in Kindernasen Tropfer“. Bei der „Diplomatenjagd“ imitiert das Publikum den Hörnerklang, ehe Pügner mit „Die Zeit des Gauklers ist vorbei“ auf die Zielgerade einbiegt. Wer das Oeuvre des „größten deutschen Chansonniers“ nicht kennt, könnte nun meinen, dies sei das Abschlusslied. Aber Pügner hat erstens noch nicht das bekannteste Lied Meys, „Über den Wolken“, gesungen und zweitens auch nicht das Abschiedslied „Gute Nacht, Freunde“. Im Schlussteil hört man in Erinnerung an Leonhard Cohen, „Halleluja“, und „Was keiner wagt“, ein Lied von Mays-Liedermacher-Kollegen Konstantin Wecker. Dieses endet mit dem Ausspruch „Wo alles dunkel ist, macht Licht“, woraufhin bei den Konzerten von Reinhard Mey immer die Lichter angehen. Wer keine Karte für eines der Konzerte von Reinhard Mey im kommenden Jahr bekommen hat, für den sind die Konzerte von Ivo Pügner eine gute Alternative. (chs)